By M4rc3ll4 – Text & Gedankenprotokoll

[Link zum Beschreibungstext]

Mit Dank an Rima Hussein, von der ich ungefähr alles über Privilegien gelernt habe. Ich bedaure sehr, dass wir es nicht besser gemacht haben .. vielleicht ist dieser Text auch eine Trauerarbeit:

Gegenseitiger Gebrauch, Körper gegen Körper so lange Bedarf ist, so einfach könnte es sein.“
Aber ein feines Muster diffiziler Hierarchisierungen scheint den Austausch zu strukturieren. Es ist, als überwinterten im Alltag Phantasien standesgemäßer Heirat oder in Skalen legitimer Kreuzungen, Spuren von Rassenideologie.“ (Bini Adamczak, http://copyriot.com/diskus/06-1/theorie_der_polysexuellen_oekonomie.htm
Von der systematischen emotionalen Vergletscherung cisgegenderter Heteromänner, die Beziehungskonflikte quasi vorprogrammiert bis hin zum Werbungsverhalten substanzenbefüllter Großstädter*innen bei spätnächtlichen Tanzveranstaltungen: Ein Gespenst geht um – …
Grundlagen: Privileg ist sanktionierte Ignoranz :
keine Ahnung haben, nicht betroffen sein, nichts davon gehört haben, Urteil aufgrund von Unsicherheit zugunsten des Bestehenden aufschieben und damit durchkommen (weil niemand jemals nachfragt, weil es allen die du kennst auch so geht, weil es keine Konsequenzen hat), etc. Das ist alles Privileg. Wenn dir das ein Rätsel ist, schau doch mal hier vorbei: 
 
Soviel also zu den basics.
Das Problem: Meistens fallen dir deine eigenen Privilegien nicht einfach so auf. Wie also schaue ich hinter meinen eigenen Schatten? Die Lösung: Nur gemeinsam. Nichts ersetzt die direkte Interaktion und den Willen zum Verständnis der anderen. http://rumbaumeln.blogsport.eu/
Das heißt zunächst: Anerkennung der Andersartigkeit der Anderen. Andere machen andere Erfahrungen, haben andere Hintergründe, andere Perspektiven als du und vielleicht fehlt dir jeder mögliche Zugang dazu. Das Licht der Vernunft durchdringt nicht notwendig und nicht sofort das Dunkel jahrhundertelanger Gewalt. Das gilt es zuerst einzusehen: Produktiver Umgang mit Privileg bedarf der Bescheidenheit im eigenen Denken. Nur weil du es nicht verstehst, nicht kennst, es dir nichts sagt, es sich anhört wie etwas was du auch kennst, du es anders machen würdest, gemacht hättest oder glaubst schon gemacht zu haben, heißt das nicht, dass das auch so ist. Solche Bescheidenheit umfasst auch Geduld, vor allem mit dir selbst: Du und ich, wir werden die Welt nicht retten, indem wir alle unsere Privilegien wegwerfen. Aber du und ich, wir werden auch nicht zugrunde gehen, nur weil weil weil und weil wir uns in dieser oder jener Situation doof verhalten haben, das Gefühl hatten, dass uns Unrecht geschieht, wir nicht die ganze Wahrheit sagen konnten, wir falsch verstanden wurden etc. etc. Der Abbau von Privilegien ist ein Langzeitprojekt – in Bezug auf dich und mich ebenso wie in Bezug auf die Welt im Ganzen. 
Es gilt aber auch: Beschränkung auf die eigene Beschränktheit ist Feigheit vor dem Feind. Versuchen wir nicht, die Andersartigkeit der Anderen zu verstehen, die eigene Ignoranz abzubauen und umzunutzen, Privilegien umzuverteilen, dann unterwerfen wir uns einer ready made Version unserer Selbst: Derjenigen, die uns voneinander trennt, uns zu Feinden macht ohne einander zu kennen, uns festlegt auf eine Identität, die uns von langer Hand angedient wird. Privilegien haben ist selbst Herrschaft und Unterdrückung: Dein Platz in der Welt ist dir von anderen zu ihrem eigenen Vorteil zugewiesen. Und gleichzeitig wird dein Verhältnis zu anderen von außen zum Vorteil einiger weniger festgelegt
Ein klassisches politisches Beispiel dafür ist die Geschichte von ‚Weißsein‘ in den USA:
Theodore Allen zeigt, dass während der ersten sechzig Jahre der Kolonialisierung Nordamerikas ‚weißsein‘ keine Rolle spielte, ja als Wort (‚white race‘) garnicht auftaucht. ‚White Race‘ wird erst wichtig im Zuge von Arbeitskämpfen im Bürgerkrieg (namentlich der ‚Bacon’s Rebellion‘ 1676-77). Hier nämlich wird nun die ‚weiße Rasse‘ gegen ‚andere Rassen‘ als Unterscheidungsmerkmal vorgebracht und zwar mit dem Ziel, Solidarität unter Arbeitenden zu sabotieren. So wurden allerdings alle Arbeiter*innen in ihrer Interessenvertretung geschwächt. Divide et Impera. Teile und Herrsche. https://socialistworker.org/2015/04/28/theodore-allen-on-race-and-privilege
Habe ich Privileg? Und wenn ja – wieviel? 
Vermutlich ja. ‚Privileg‘ wird klassischerweise als ungleich verteilt gedacht. Und zwar anhand eines ‚intersektionalen Rasters:‘ Als Paradigma in Deutschland gilt der weiße, (sekularisiert) christliche, heterosexuelle, cisgegenderte, mittelständische etc. etc. Mann. Das ‚etc. etc‘ markiert bereits ein Problem: Die Liste ist unabschließbar und läuft in allerhand Probleme, die hier nicht behandeln werden wollen. Das Paradigma funktioniert nichtsdestotrotz als Wegweiser ziemlich gut: Je näher du am Paradigma bist, desto mehr profitierst du von der Ungerechtigkeit der Welt (vermutlich). Und umgekehrt. Diese Nähe aber ist multidimensional, lässt sich nicht zu einem ‚privilege score‘ zusammenfassen. Und hier endet die einfache Bestimmung von Privileg. Da dies aber ein pragmatischer Text sein soll, bleibt es für heute bei der Einfachheit.
Was ist Schlecht an Privilegien? 
Dass sie Herrschaft und Unterdrückung rechtfertigen, damit ein gesundes Verhältnis zu sich selbst (Autonomie) und anderen (sozialität), sowie konkreten Aktivismus systematisch verhindern.
Nicht : dass du sie hast, dafür kannst du nichts. Alles cool. Es geht nicht um Schuld. Es geht um eine bessere Welt.
Ziel : Privilegien gewinnbringend einsetzen um Autonomie und Sozialität zu stärken. Das kann abgeben heißen, kann aber auch Investition heißen. Wichtig ist: Es geht darum, denjenigen Selbstbestimmung zu ermöglichen, denen sie systematisch verweigert wird. Es geht darum, denjenigen einen produktiven Kontakt mit anderen zu ermöglichen, die systematisch isoliert werden.
Was sind Unterdrückung und Herrschaft? Ein Versuch: 
Unterdrückung ist Einschränkung des Verhältnisses zu anderen. Herrschaft ist Einschränkung des Verhältnisses zu einem selbst. Gegenteile von Herrschaft sind Unabhängigkeit, Integrität oder Autonomie. Gegenteile von Unterdrückung sind Freundschaft, Liebe, Sozialität. Beide Verhältnisse – zu sich selbst und zu anderen – bedingen einander, sind Gegenstand von Disziplin und Strafe, also positiver und negativer Einflussnahme (im außermoralischen Sinne). 
Wer unterdrückt wird, wirkt toxisch, narzisstisch, egozentrisch. Wer beherrscht wird, wirkt abhängig und wenig selbstbestimmt. Beherrschendes Verhalten kann also das Ergebnis von Unterdrückung sein, nämlich wenn kommunikative Fähigkeiten auf eine*n selbst (oder sogar noch weiter) zusammenschrumpfen. Eingebildete Unabhängigkeit überdeckt oft soziale Unfähigkeit. Deshalb erscheinen toxische und beherrschende Verhaltensweisen oft zusammen. 
Auf ähnliche Weise kann unterdrückendes Verhalten ein Ergebnis von Herrschaft sein, nämlich wenn die Fähigkeit zur Selbstbestimmung stark von außen beeinflusst wird. Unterdrückende leben oft in schrecklicher Angst, andere zu verlieren, scheitern an Selbstbestimmung und müssen daher diese anderen isolieren. Abhängigkeit und Unterdrückung erscheinen daher oft zusammen. Tatsächlich ist damit toxische Männlichkeit ein Symptom von Unterdrückung, während Abhängigkeit auf Herrschaft zurückgeht.  
 
Serviervorschläge:  
Der serviervorschlag kann (!) dem Produkt von den teilnehmenden hinzugefügt werden, ist aber nicht in der Packung enthalten. Keine Äpfel im apfelsaft und nicht der schöne Herr im eier sechser. In diesem Sinne sind auch die folgenden Vorschläge zu verstehen: Sie passen nicht in jeder Situation, aber in vielen. Insgesamt gilt: Nichts ersetzt die Anwendung der eigenen Urteilskraft. Denn Mangel an Urteilskraft ist Dummheit. Und gegen Dummheit hilft der beste Blogpost nichts. In diesem Sinne möchten die folgenden Punkte sich verstanden wissen : 
0) Materialität von Unterdrückung verstehen 
Die Grundlegende Idee ist diese: Privileg ist keine Frage des Verhaltens, sondern der Realität von Gewalt. Besonders eindrucksvoll zeigt das Aamer Rahman’s ‚Reverse Racism Joke.‘ https://www.youtube.com/watch?v=FMciQ3zH1j4 (mit deutschem Untertitel). In einer durch und durch Deutschen und irgendwie nicht ganz geglückten Variante ohne Zitation hier von Hagen Rether: https://www.youtube.com/watch?v=kDV29Kkc-LA
Der Punkt ist: Wir leben in einer Welt, die auf Gewalt gründet. Diese Gewalt kann nicht individuell ausgehebelt werden – Jahrhunderte der Sklaverei, der Ausbeutung, der Disziplinierung. ‚Schwul‘ und ‚behindert‘ sind immernoch die beliebtesten Schimpfworte auf deutschen Schulhöfen. Eine Privatorganisation – Frontex – ‚verteidigt‘ bewaffnet die ‚Grenzen Europas‘ vor den Folgen europäischer Kolonialpolitik – verarmten ‚Wirtschaftsflüchtlingen.‘ Und so weiter. Deshalb ist „ich bin nicht privilegiert (oder nicht wie du denkst)“ eigentlich immer falsch. Es kann nicht darum gehen, nicht so oder so privilegiert zu sein. Es kann nur darum gehen, der offensichtlichen Ungerechtigkeit, auf der unsere Welt und das Leben der allermeisten Menschen in westlichen Gesellschaften gründet, so gut es geht entgegen zu steuern.
Konkret können wir sagen: Es geht nicht um dich und um mich. Es geht um die gewaltsamen Systeme, auf denen dein und mein Leben beruhen, deren Verwirklichungen du und ich nunmal sind. Es geht hier nicht um Schuld, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen, für eine geteilte Tradition von Ungerechtigkeit.
„Privileg“ bedeutet daher nicht nur, dass du dich auf diese oder jene Art und Weise verhalten kannst oder nicht. Vielmehr dieses: Soziale Existenz, von Habitus bis in die Materialität hinein, sind in dieser Gesellschaft durch Gewalt und Herrschaft bedingt. Der Reichtum westlicher Staaten baut auf der Ausbeutung kolonialisierter Völker auf. Der wiederum ermöglicht den Transit meiner Eltern zueinander. Beide sind mit viel Mühe in die Cis-Heterosexualität hineindiszipliniert worden und haben davon profitiert, diesen Prozess überlebt zu haben (sie haben zum Beispiel auch AIDS unbeschadet überstanden). Daher ist meine Existenz Produkt eines Zusammenspiels aus Unterdrückung, Privileg und Disziplin. Ich bin Privileg, durch und durch. ‚Privileg‘ ist keine Frage der Entscheidung – die Entscheidungen sind bereits gefallen, wir sind bereits Steine im Spiel der Gewalt. Die Frage kann nie sein ‚bin ich privilegiert oder nicht?‘ Denn insbesondere ‚der Westen‘ gründet auf der Verteilung von Privileg und gezielter Deprivilegierung. Die Frage muss vielmehr sein: ‚Wie kann ich Privileg gegen den Strom einsetzen?‘ Das heißt: ‚Wie kann ich diejenigen Kräfte, die Macht ungleich und ungerecht verteilen, umlenken, ausnutzen, ausbooten, austricksen?‘ Wie es nicht funktioniert, findest du hier: https://www.derailingfordummies.com/
Im folgenden sind ein paar einfache Strategien gelistet, die vielleicht funktionieren können.
1) verstehen, dass aus hegemonialer Position nichts verloren werden kann 
Deshalb kann auch die privilegierte Position eigentlich nichts verlieren: Sie wurde ein Leben lang von einer Gesellschaft aufgezogen, die auf der Ausbeutung anderer Gesellschaften aufbaut und die auch weiterhin betreibt (vergleiche allein die Bedingungen, unter denen Rohstoffe abgebaut werden, die ich jeden Tag verwende https://www.globalwitness.org/en/campaigns/conflict-minerals/?gclid=CjwKCAiAm7LSBRBBEiwAvL1-L69UD9-ZSEN-EmeVesp9FOtP57gk7AJnIGHeni2MoFdAIRUxXoFa2RoC1_EQAvD_BwE#more).
Es ist wichtig, sich ab und zu zu fragen: ‚Wie tief kann ich wirklich fallen, wenn ich mir das jetzt anhöre?‘ ‚Was verliere ich, wenn ich nicht widerspreche?‘ ‚Kann ich nachher noch Einspruch erheben? Muss ich jetzt auf xy beharren? Weiß ich wirklich was abgeht?‘ ‚womit würde ich meine Zeit sonst verschwenden?‘
Grundsätzlich gilt: Wer alles hat hat nichts zu verlieren – Generösität und Gastfreundlichkeit sind daher die Tugenden der Privilegierten. Wer sich Ignoranz leisten kann, kann sich zumeist auch Unwissenheit, Bescheidenheit und zögerliches Nachfragen leisten. Nun hat niemand nichts zu verlieren. Als Richtung kann diese Überlegung dennoch dienen. 
 
Das gilt insbesondere für Entschuldigungen. Die kommen oft gut an insbesondere wenn sie ernst gemeint sind. Bedenke aber: Eine Entschuldigung ist performativ, nicht deskriptiv. Du musst nicht notwendig jetzt sofort verstehen, wofür du dich entschuldigst, aber die Entschuldigung ebnet oft den Weg zu mehr Erklärung und daher späterem Verständnis. In der Entschuldigung geht es ja aber auch nicht um dich, sondern um die Person, bei der du dich entschuldigst. Keine Angst : Entschuldigungen bringen dich nicht in die Hölle. Auch solche nicht, die du (noch) nicht verstehst. Und: privilegienbewusste Männer [or: put your favorite hegemon] gelten oft als sexy, selbst wenn sie kein Privileg abgeben (vergleiche Trudeau)
Das bedarf selbst einer komplexen Untersuchung – kann aber vielleicht erstmal als data point dienen.
2) Deutungshoheit abgeben
Eine klassisches Privileg ist die Deutungshoheit – wer hört wem zu? Wem wird geglaubt? Wenn wir einen Moment am intersektionalen Raster festhalten, so wird Glaubhaftigkeit durch Nähe zum Paradigma bestimmt – nämlich zum weißen, heterosexuellen, cisgenderten Mann. Das funktioniert auch unter deprivilegierten Erfahrungsgemäß ziemlich gut. Wie dem auch sei: Deutungshoheit kann verunsichert werden, was Raum für Autonomie und Sozialität schafft: Anstatt anderen zu sagen, wie ihr Leben aussieht, kannst du ihnen die Möglichkeit geben, von sich selbst zu teilen. Die Frageform ist hier deine beste Freundin. Bei Fragen wird gemeinhin die Stimme am Ende des Satzes gehoben. Oft lässt sich dabei noch was lernen.
Beispielsätze:
„oh echt? Danke. Schau ich mir an.“
„erzähl mir mehr?“
„schickst du nen link?“
Ein gutes Beispiel dafür, wie es nicht funktioniert, ist Gaslighting : „nein das war nicht homophob.. Ich glaub nicht dass das homophob war.. Etc.“ – Erfahrungsgemäß blenden marginalisierte mindestens ein Drittel der Vorfälle eh einfach aus (weil zu anstrengend). Wenn sie also schon auf Diskriminierung hinweisen, sind vielleicht eine ganze Menge Fälle schon passiert, ohne dass du es gemerkt hättest. Da lohnt es sich vielleicht zumindest mal nachzufragen – du verlierst ja eigentlich nichts.
Ein weiteres Beispiel für das Beharren auf Deutungshoheit ist das Model Sendung/Empfang: „Das interpretierst du so“ – stimmt, aber wenn es schon so interpretiert wird hat es meist auch zumindest eine soziale Realität. Nachfragen ist auch hier besser als anzweifeln.
Ein drittes Beispiel für Deutungshoheit ist übertriebenes Verantwortungsgefühl: Manche Menschen glauben, jede Frage beantworten zu müssen, jede Aufgabe erfüllen zu müssen, zu allem irgendetwas sagen zu müssen. Das nimmt leider anderen mitunter den Raum, sich selbst auch einzubringen. Ein bisschen Geduld und Gastfreundlichkeit helfen hier häufig aus. Die wahre Heldin kann warten.
3)  Solidarität zeigen, explizit 
In Zusammenhang mit Deutungshoheit steht auch das Erinnerungsvermögen: Wer wird womit zitiert? Auf wen wird verwiesen? Wer wird wann von wem unterbrochen und warum? Erneut gilt, dass die schlechte Realität deiner nicht bedarf, um von selbst abzulaufen. Das heißt: Wenn du nicht merkst, dass es passiert, passiert es vermutlich trotzdem. Es lohnt sich daher oft, interessante Aktionen oder Redebeiträge von paradigmenfernen Leuten hervorzuheben.
Beispielsätze:
„Sie hat recht“, „Hör ihr doch mal zu!“, „Wie xy ja schon gesagt hatte …“, „Das stimmt, aber das hat doch z vorhin schon gesagt“, „Ich glaube, darum hat sich y schon gekümmert“ etc.
Viel besser als selber für andere zu sprechen ist natürlich, wenn sich alle selbst gehör verschaffen können. Hier schläft die Gefahr der Bevormundung: Wer sich selbst unterstützt, bedarf deiner Unterstützung vermutlich nicht. Kurze geschmeidige Nachfrage in einem unbeobachteten Moment („Hey ich dachte ich frage dich kurz – bist du ok mit der Gesprächsatmosphäre?“ „Unterbrechen die dich die ganze Zeit oder ist das nur mein Eindruck?“) hilft.
Bei Interventionsmomenten gilt: Das Schlimmste ist immer wenn alle schweigen. „Ich glaube das ist echt sexistische Kackscheiße.“ (Ein paar Nicken, niemand sagt etwas). Solcher Mangel an Solidarität geht echt an die Substanz. Sag wenigstens „Kannst du’s erklären?“ oder „Ja genau!“
Was im Wort gilt, gilt auch in Schrift und Bild und anderen Medien: Marginalisierung funktioniert oft entweder über Ignoranz oder darüber, dass Ideen aufgenommen und zum allgemeinen gut erklärt werden. ‚Cultural Appropriation‘ ist davon nur ein Fall.
Marginalisierte stimmen explizit zitieren hilft.
4) Unsicherheit zeigen 
In Zusammenhang mit Deutungshoheit steht auch die Sicherheitsperformance: Wem wird zugesprochen, eh schon etwas zu wissen? Privileg kann hier hervorragend eingesetzt werden, nämlich so: 
„Magst du s nochmal erklären? Ich hab s nicht verstanden“
„Ich glaub ich weiß nicht was ich machen soll.. Was mach ich jetzt?“
 
Selbst wenn das nicht ganz stimmt, lohnt es sich mitunter, eigene Sicherheitsmomente aufzugeben, um anderen Entfaltungsmomente zu ermöglichen. Erfahrungsgemäß kommt dabei mehr rum als erwartet. 
5) Go Meta 
Diese Unsicherheit lässt sich auch auf den Umgang mit Privilegien selbst übertragen.
„Ich möchte x aber z.. – und jetzt?“
„Ich möchte dich unterstützen, habe aber Sorge, dass ich dir damit das Gefühl gebe, dass ich glauben würde, du kämest nicht selbst klar. Das stimmt nicht – aber ich möchte trotzdem dass du weißt … etc.“
Das mag alles ein bisschen umständlich klingen, aber darum geht es: Deine Umständlichkeit verlässt sich auf die Freundlichkeit der anderen und nimmt dir selbst damit Deutungshoheit und Scheinautonomie ab. Solche Momente sind Momente möglicher Sozialität, eines möglichen Kontaktes, in dem sich andere als Personen Ernst genommen fühlen können.
6) ermutigen after the fact
(„das war super! Danke!“)
7) Geduld
Dein Versuch, dein Privileg in alternativen Weisen einzusetzen, kann scheitern – du stehst immerhin gegen eine lange Tradition rückhaltloser Selbstbevorzugung von vielerlei Menschen. Vielleicht sagen sie „Ne keine Ahnung schwierig mach mal wie du meinst.“ Vielleicht sagen sie „Lass mich in Ruhe.“ Mitunter richtet sich also die Frustration, die dir entgegenschlägt, nicht direkt gegen dich, sondern gegen eine lange Reihe von Enttäuschungen. Nachsicht lohnt sich und wird oft honoriert.
8) nachfragen
(„brauchst du x?“ „was ist x?“ „kannst du mir was über z erzählen?“ – je weniger ahnung du hast, desto genereller sollten die Fragen sein, um keine Stereotypen zu reproduzieren)
9) nachlesen
Auch genannt : reproduktive Arbeit selber machen, anstatt sie auf betroffene abzuwälzen.
Video Youtube: „shit white people say“ / „shit cis people say“ etc.
(ein Problem ist oft, dass abstraktes mit konkretem wissen verwechselt wird. Beispiel : „ich bin voll tolerant ggü schwarzen Menschen – kann ich mal deine Haare anfassen?“ ignoriert die Wirklichkeit : schwarze Menschen werden das oft gefragt und viele sind davon genervt.
„ich bin voll tolerant ggü trans* Menschen – wie sehen deine Genitalien aus? Ich bin nur neugierig!“) 
10) oppression Olympics vermeiden 
(„ich bin unterdrückter als du“ siehe privilege as social currency, „ja aber schau mal y geht’s noch schlechter“ – Macht s nicht besser, destabilisiert nur).
11) oppression bingo vermeiden 
(„ich mache anti rassistische Arbeit ich kann nicht Rassistisch sein,“ etc.
13) intersektionalität ist inkohärent: 
(Achtung : ’sexistisch‘ hier kann ‚empowernt‘ woanders sein. Insbesondere class difference : sprachregelungen als upper class machtmittel).
14) Achtung : recentering 
(ewig über probleme von whiteness reden blendet immernoch nicht weiße lebensrealitäten aus, etc. Bsp: tuvel affair).
15) eigene Widerstände verstehen : 
Oft geht es bei wiederholter fehlleistung um verschobene andere Konflikte – mangelndes Selbstwertgefühl, eigene Probleme oder zwischen Menschliches dass dann an der achillesverse austariert wird. Das ist gemein, aber oft real. Es hilft nur Ehrlichkeit sich selbst gegenüber : „misgendere ich weil ich auf dich stehe? Erkläre ich dir die Welt weil ich sauer bin auf dich?“
„Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen.“ (Elektra in Hamletmaschine, Heiner Müller, https://web.archive.org/web/20160325212115/http://peter-matussek.de/Leh/S_32_Material/S_32_M_13/MUELLER_DIE_HAMLETMASCHINE.pdf/
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